Ein Gespräch über den „Urfisch“

Urfisch
Der „Urfisch“ nach Hugo Kükelhaus aus Kirschholz

Herzenswunsch

In diesem Augenblick erfülle ich mir mit dem Beitrag für den Echtkind-Blog einen bereits lange gehegten, persönlichen Wunsch. Ich durfte vor kurzem ein Gespräch mit Christian Schulz von Hohenfried in Bayerisch Gmain im Berchtesgadener Land führen, wo die schönen Kükelhaus-Greiflinge eine Heimat gefunden haben. So konnte ich am Beispiel des „Urfischs“ eine Menge Neues und Interessantes erfahren, das ich an dieser Stelle in Form eines Interviews mit Euch teilen möchte.

Warum ein Herzenswunsch? Weil es einfach gute Spielsachen gibt, die eine Geschichte und gleichsam eine Seele in sich tragen. Weil sie zugleich einen pädagogischen Wert für unsere Kinder besitzen und diesen im Spiel und in der Freude daran immer wieder neuen Baby-Generationen mitgeben.  Weil sie archetypisch und zeitlos in einem sind. Weil sie bis heute mit Liebe und von Hand aus heimischen Materialien gefertigt werden. Und weil sie den ideellen Wert als Erinnerung an unsere Kindheitstage immer besitzen werden. Echte, authentische Dinge eben, die uns lange begleiten. So wie etwa Hugo Kükelhaus, der die wunderbaren Holzgreiflinge ins Leben gerufen hat, jahrelang einen Urfisch bei sich getragen hat. Wer weiß, was er ihm bedeutet hat – Handschmeichler, Kindheitserinnerung, Vergewisserung oder gar Talisman?

Der „Urfisch“ nach Hugo Kükelhaus

Der „Urfisch“ von Hohenfried im Berchtesgadener Land ist ein solches Spielzeug wie auch die anderen Greiflinge nach Hugo Kükelhaus, die dort gefertigt werden. Nach meiner Anfrage nach einer Kooperation für einen Beitrag für den Echtkind-Blog erhielt ich sehr schnell eine positive Antwort von Christian Schulz, der sich bereit erklärte, meine Fragen zu beantworten und mir viele schöne Details zur Fertigung, Idee und zur Geschichte der Kükelhaus-Greiflinge mitgab. Eine Begebenheit, die er mir schilderte, hat mich sehr bewegt. Sie handelt von einer älteren Dame, die während eines Messebesuchs bei Hohenfried am Stand vorbeikam und den Urfisch dort sah. Vor lauter Rührung über die Begegnung brachte sie zunächst kaum ein Wort heraus. Weil der Urfisch das erste Spielzeug war, an das sie sich aus der eigenen Kindheit bewusst erinnern konnte.

Der Urfisch ist ein Archetyp – die bis zur maximalen Einfachheit reduzierte Form des Fisches. Mit viel Sorgfalt aus heimischen Kirschbaumhölzern von Hand hergestellt. Die Ringe der Holzmaserung schmiegen sich perfekt stromlinienförmig an den Körper des Fisches an und zeigen mit welch sensibler, handwerklicher Wachheit Material und Form miteinander verbunden wurden. Behandelt ist der Rasselgreifling nur mit natürlichen Pflanzenölen, so dass Maserung, Haptik und Geruch des wunderschönen Holzes erhalten bleiben. In seinem Inneren rasselt ein kleiner Kirschkern.

„Allbedeut“ hat Hugo Kükelhaus seine Babygreiflinge genannt, die im Jahr 1958 erstmals auf der Weltausstellung in Brüssel zu sehen waren.  „Allbedeut“, weil sie durch die reduzierte Einfachheit ihrer Formen der Fantasie unbegrenzte Möglichkeiten zur Deutung darreichen. Elementare, einfache Formen und Materialien geben schon ganz kleinen Kindern den Raum, spielerisch die Welt zu ertasten, zu ergreifen, zu riechen, zu betrachten, zu hören, zu beknabbern und zu schmecken. Die Holzgreiflinge geben durch Ihre ursprünglichen Formen sanfte Reize, die das Baby stimulieren, nicht aber überfordern.

„Dreilochring“ nach Hugo Kükelhaus aus Kirschholz

Interview mit Christian Schulz, Hohenfried

ECHTKIND: Herr Schulz, was macht die Kükelhaus-Greiflinge so besonders? Was unterscheidet sie und was war der Grundgedanke der Kükelhaus-Greiflinge?

C. SCHULZ: Genau genommen sind die Greiflinge die Rückkehr nicht nur zu den guten, natürlichen Dingen des Lebens, sondern vor allem die Rückkehr zur Urform des Babyspielzeugs. In den 1930er Jahren wurden die Greiflinge von Hugo Kükelhaus entwickelt. Später gab es dafür dann etliche Preise.
Vereinfacht gesagt geht es darum, was in unserer Gesellschaft abhandengekommen ist: Seine Sinne einzusetzen oder vielmehr es zu lernen, sie einzusetzen. Frage: Wann haben Sie das letzte Mal bewusst gefühlt? Z.B. Holz, seine Maserung. Ich denke dabei spürt man auch die Geschichte, die Holz hat. Unsere Spielwaren riechen, sie schmecken und sie geben ein besonderes haptisches Erlebnis. Ob alt oder jung, wer so ein Spielzeug in der Hand hatte, der fühlt intensiv das Leben.

ECHTKIND: Wie kam Hohenfried darauf, diese Idee wieder aufleben zu lassen? Wann war das? Seit wann werden bei Hohefried die Kükelhaus Greiflige gefertigt? Gab es Rechte zur Fertigung und wie hat Hohenfried diese bekommen?

C. SCHULZ: 1999 entstanden die ersten Kontakte durch Mathias Schenk von Schloß Freudenberg in der Nähe von Wiesbaden. Unser Schreiner Franz Lochner, der die Produktion bis heute leitet, wurde in Wiesbaden angesprochen. Da war die Fragestellung erst einmal, ob wir so etwas produzieren können. Aber bereits nach dem ersten Prototypen war klar, das können wir. 2003 bekamen wir dann die endgültigen Rechte zur Produktion. Dies lief damals über die Enkelin von Hugo Kükelhaus. Für den Gesamtumstand sind wir heute noch dankbar. Die Greiflinge, ganz besonders der Urfisch, sind für uns so etwas wie ein Zeichen geworden. Kükelhaus trug den Urfisch jahrelang in seiner Jackentasche. Heute wird er ausschließlich in den HOHENFRIEDER Werkstätten produziert. Wir waren und sind diesbezüglich der Kükelhaus-Gesellschaft für die Zusammenarbeit sehr dankbar. Sie haben uns unter anderem die Zeichnungen zur Verfügung gestellt.

ECHTKIND: Aus welchen Hölzern werden die Kükelhaus Greiflinge gefertigt? Warum diese Hölzer? Was macht diese Hölzer so besonders?

C. SCHULZ: Alle unsere Greiflinge werden aus heimischen Obsthölzern in kompletter Handarbeit hergestellt. Die ausschließliche Handarbeit verleiht unseren Produkten auch den einzigartigen Charme. Die Auswahl des Holzes übernimmt dabei Franz Lochner persönlich. Er ist bei der Auswahl der Hölzer, sagen wir mal, sehr eigen und genau (Schulz schmunzelt bei dieser Frage). Da wird nicht jeder Baum verarbeitet. Und das mit dem heimischen Gehölz ist auch so gemeint: Viele der Hölzer stammen vom eigenen Gelände von HOHENFRIED und der Weg vom Holzschlag bis zum fertigen Urfisch ist somit meist – geografisch gesehen – nur 100 Meter lang. Jeder dieser Bäume hat somit eine eigene Geschichte. Unsere Urfische sind ausschließlich aus Kirschbaum, der Kugelball aus Esche, der Laufring aus Bergahorn, der Dreilochring wieder aus Kirsche gefertigt. Wesentlich dabei sind die Farben der Hölzer und der Holzklang.

ECHTKIND: Wie wird das Material gewonnen?

C. SCHULZ: Wie schon angedeutet, wir kennen jeden Baum persönlich, wenn man so will. Dazu ist für uns der Zeitpunkt des Schlages relevant. Um den Schwund bei der Trocknung und die Rissbeständigkeit möglichst gering zu halten sowie die Haltbarkeit zu erreichen, werden unsere Hölzer nur bei abnehmendem Mond geschlagen.

ECHTKIND: Was passiert nach dem Fällen der Bäume? Wann kommt das Holz in die Hohenfrieder Holzwerkstatt? Wie lange muss das Holz zwischenlagern?

C.SCHULZ: Wie schon beschrieben, zumeist sind die Bäume bereits auf unserem Gelände. Danach werden sie eingeschnitten, also zu Bohlen in der entsprechenden Stärke verarbeitet. Da eines unserer wichtigsten Themen in HOHENFRIED die Erhaltung der Ressourcen ist, verfügen wir über keine energieaufwendige, technische Kammertrocknung. Bis zur endgültigen Verarbeitung lagern die Hölzer mehrere Jahre und trocknen auf diese Weise langsam. Das schont nicht nur die Ressourcen, sondern ist auch gut für die Materialbeständigkeit.

ECHTKIND: In wie vielen Schritten wird denn beispielsweise der Urfisch hergestellt?

C.SCHULZ: Der Urfisch wird in 16 Schritten durch unsere betreuten Mitarbeiter hergestellt. Dabei verbleibt lediglich ein Schritt bei Franz Lochner. Der diffizilste: Er muss bei der genauen Formengebung an seiner Drechselbank 1,1 Millimeter Material abtragen. Er schneidet die genaue Form. Geht da was schief, hat der Fisch ein Eck. Insgesamt benötigen wir ca. 2 Stunden für einen Fisch. Wer dabei einmal zusehen will, kann uns gerne in HOHENFRIED besuchen.

ECHTKIND: Wie viele Menschen sind in die einzelnen Arbeitsschritte eingebunden? Welche Maschinen werden benötigt, welche Handgriffe?

C.SCHULZ: Unsere Mitarbeiter werden nach den spezifischen Fähigkeiten eingeteilt. Dies hängt wieder davon ab, was sie bisher gelernt haben. Darüber hinaus hat der Urfisch ja die gleiche Wirkung auf unsere Mitarbeiter, wie auf andere Menschen. Man will, man muss einfach das Holz, die Form spüren. Der therapeutische Gedanke spielt dabei natürlich eine Rolle. Derzeit arbeiten 12 Menschen in unserer Holzwerkstätte. Er entsteht in 16 Arbeitsschritten, davon übernehmen 15 Schritte unsere Mitarbeiter. Der Mitarbeiter mit der größten Beeinträchtigung übernimmt dabei den Schritt, der so viel Gefühl verlangt: das Polieren. Dabei darf man auch die variierende Tagesform der Menschen nicht vergessen. All diese Faktoren machen unsere Produkte so individuell.

ECHTKIND: Wie viele Urfische werden im Jahr gefertigt?

C.SCHULZ: Je nach Auftragslage zwischen 500 und 1000 Stück pro Jahr. Keine Industrieware, ausschließlich Unikate verlassen unsere Werkstätten.

ECHTKIND: Wie sind die Greiflinge behandelt? Welche Öle werden verwendet? Was zeichnet diese Öle aus?

C.SCHULZ: Unsere Greiflinge werden nach dem letzten Arbeitsschritt nur noch mit Öl behandelt. Es handelt sich dabei ausschließlich um absolut naturbelassene Naturöle nach der Norm EN 71/03, speichel- und schweißecht, wie es da etwas hölzern heißt. Ansonsten wird er geschliffen und poliert, eine weitere Behandlung mit sonstigen Stoffen erfährt er nicht.

ECHTKIND: Worauf ist Hohenfried in Bezug auf die Fertigung der Kükelhaus Greiflinge besonders stolz?

C.SCHULZ: Stolz? Ich denke dieser Begriff ist insgesamt überbenutzt. Aber die Qualität, die wir bieten, ist über jeden Zweifel erhaben. Was im Übrigen ja auch die Idee von Kükelhaus war. Proportionen, Oberfläche, Material, da passt einfach alles. Wir produzieren keine Industrieware sondern echte Handarbeit. Abgesehen davon sind wir die einzige Werkstätte die von den Kükelhaus-Erben eine Vereinbarung zur Herstellung haben.

 

„Kugelball“ nach Hugo Kükelhaus aus heimischer Esche

ECHTKIND: Was sagen die Hohenfried-Mitarbeiter über die Greiflinge? Welche Geschichten erzählen sie über die Greiflinge? Was haben sie im Zusammenhang mit den Kükelhaus Greiflingen über die Jahre erlebt, was schön wäre zu erzählen?

C.SCHULZ: Vor Jahren war einer meiner Kollegen auf einer Messe in Dornbirn. Eine ältere Dame steuerte unseren Stand an und konnte vor lauter Rührung kein Wort rausbringen. Es stellte sich heraus, dass unser Urfisch das erste Spielzeug war, an das Sie sich bewusst erinnern konnte. Sie konnte gar nicht glauben, dass knapp 70 Jahre später wieder jemand den Urfisch produziert. Ein sehr rührender Moment, der uns auch Recht gibt: Wir produzieren emotionale Werte für Generationen.

ECHTKIND: Was sagen die Endverbraucher, welche Erfahrungen machen sie mit den Greiflingen? Welche Rückmeldungen geben etwa die Eltern und Großeltern an Hohenfried?

C.SCHULZ: Grundsätzlich positive. In einer Zeit, in der Spielzeug hauptsächlich aus Plastik besteht, ist ein deutlicher Trend zur Rückbesinnung auf elementare Dinge zu spüren. Ich denke, dass allen, die Kinder haben, bewusst ist, dass gerade Kleinstkinder besonders von naturbelassenen Dingen profitieren. Die Prägung beginnt zwar früher, aber gerade im „Urfischalter“ ist das Greifen, Spüren und Schmecken im wesentlichen Entwicklungsmodus. Ich hatte übrigens auch so einen Urfisch. Als ich ihn nach 37 Jahren wieder in unseren Werkstätten gesehen habe, hatte ich ein sehr positives Momentum. Man erinnert sich positiv an seine Kindheit, was gibt es schöneres?

ECHTKIND: Wohin werden die Greiflinge geliefert? Ein rein deutsches Produkt oder auch international verkauft?

C.SCHULZ (lachend): Ein rein Bayerisches Produkt entsteht bei uns. Bayerische Bäume aus dem Berchtesgadener Land, in Bayerischer Handarbeit. Aber wir haben Abnehmer in Japan, England der Schweiz und den USA. Derzeit stellen wir vermehrt Nachfragen aus Taiwan fest.

ECHTKIND: Würden Sie die Greiflinge als „zeitlos“ beschreiben? Welche drei Begriffe passen aus Ihrer Sicht zu Ihren Greiflingen?

C.SCHULZ: Mein Großvater sagte einmal zu mir: Alles zu seiner Zeit.
Ich würde sagen: generationenübergreifend, eindrücklich und naturbezogen.

ECHTKIND: Welchen Einfluss auf die Kindesentwicklung spricht man denn dem Urfisch zu?

C.SCHULZ: Die Sinne zu schulen. Kükelhaus galt als Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik. Erlebnis bedeutet hier etwas zu greifen und zu spüren. Daraus entsteht Fantasie.

ECHTKIND: Was unterscheidet die Hohenfried Greiflinge von „normalen“ Holzgreiflingen für Babys?

C.SCHULZ: Ich denke oft daran, wenn wir wieder einen Baum dafür schlagen, was dieser in den letzten 70 bis 120 Jahren erlebt hat. Wir sind wieder beim Anfang. Unsere Grefilinge sind ein echtes Stück Leben. Sie erzählen dir eine Geschichte, vielleicht deine persönliche über deine Kindheit, wenn du sie in die Hand nimmst, wenn du älter bist. Vielleicht aber auch die Geschichte eines Baumes. Wichtig ist: Man sollte den Klang der Hölzer hören, sie erzählen über unsere Geschichte als Menschen und über die, die wie wir lernten zu fühlen, zu schmecken und zu riechen.

ECHTKIND: Lieber Herr Schulz, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch und die vielen interessanten Details, die Sie uns und allen, die den Beitrag lesen werden, mit auf den Weg gegeben haben. Wir wünschen Ihnen und allen „Hohenfriedern“ von Herzen alles Gute – bitte machen Sie weiter und bereichern sie unser Leben und das unserer Kinder mit den wunderbaren Spielsachen aus Ihren Werkstätten!

–> Holzgreiflinge nach Hugo Kükelhaus von Hohenfried bei Echtkind kaufen

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